Kfz-Bilanz Hessen - Glänzendes Jahr mit Schatten


Präsident Jürgen Karpinski (vorne),
Vizepräsident Michael Kraft (2. von rechts)
Geschäftsführer Joachim Kuhn (links),
Pressesprecher Roger Seidl (rechts)
(Quelle: LV Hessen)

[28.02.2017] Deutliche Umsatzsprünge in allen Geschäftsbereichen - Gebrauchte Pkw und der Service die Gewinner - Erstmals über 20 Milliarden Euro Gesamtumsatz - Kfz-Gewerbe verbessert Marktanteile deutlich - Höhere Durchschnittspreise für neue und gebrauchte Pkw - Privatkunden geben 9,1 Milliarden Euro aus - Rund 11 Prozent mehr Werkstatt-Aufträge -
Kfz-Gewerbe warnt vor weiteren Diesel-Debatten - Gute Ausbildungsbilanz - Prognosen mit Fragezeichen

Wiesbaden, 1. März 2017. Der hessische Automarkt hat im Autojahr 2016 neue Bestmarken erreicht! Mit dem Verkauf neuer und gebrauchter Pkw und Lkw sowie dem Service wurde erstmals die 20-Milliarden-Euro-Grenze überschritten. 20,2 (Vorjahr: 18,7) Milliarden Euro stehen zu Buche. "Es hätte ein glänzendes Jahr sein können, wenn die Schatten nicht wären", bilanzierte Jürgen Karpinski, Präsident des Hessischen Kfz-Gewerbes, vor Journalisten in Frankfurt mit dem Hinweis, dass "nicht alles im grünen Bereich liege". Deutliche Spuren beim Diesel, eine unbefriedigende Umsatzrendite, erkennbare Fragezeichen durch die Digitalisierung und ein politischer Aktionismus gegen das Auto belasteten eine Branche, die "im vergangenen Jahr dennoch ein bisschen Luft holen konnte.“ Karpinski verwies darauf, dass die Autohändler vor allem im Gebrauchtwagengeschäft kräftig gewonnen hätten. Allerdings reiche auch in diesem Geschäftsbereich der Bruttoertrag nicht aus. Erfreulich sei nach einem Jahr 2015 mit deutlichen Bremsspuren, dass sich der Service "erfreulich gut erholt hat". Der Umsatz sei um 5,2 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro gestiegen. Der Start ins neue Autojahr sei durchaus gelungen. Plus 13,5 Prozent bei den Pkw-Neuzulassungen im Januar und plus 2,3 Prozent bei den Pkw-Besitzumschreibungen seien ein "hoffnungsvoller Beginn des neuen Autojahres".

Das hessische Kfz-Gewerbe mit seinen 4.400 Betrieben in Handel und Service könne "alles in allem von einem starken Autojahr" sprechen. Vor allem der Anstieg der privaten Autokäufe bei den Neuwagen stimme zuversichtlich. Die vorläufige Umsatzrendite liege unverändert bei 1,6 (Vorjahr: 1,6) Prozent. Der Neuwagenmarkt weise für die 353.821 Neuzulassungen einen Umsatz von 10,6 (Vorjahr: 10,0) Milliarden Euro aus. In den Autohäusern seien 7,2 (Vorjahr: 6,4) Milliarden Euro erzielt worden. Der Gebrauchtwagenmarkt habe 6,6 (Vorjahr: 6,0) Milliarden Euro erreicht, davon in den Autohäusern 5,3 (Vorjahr: 4,4) Milliarden Euro. Verlierer des Gebrauchtwagenmarktes 2016 sei der Privatmarkt, der sieben Prozentpunkte im Marktanteil verloren und noch einen Umsatz von 1,3 (Vorjahr: 1,5) Milliarden Euro erreicht hatte. Dies sei ein Minus von rund 15 Prozent.

Mehr private Neuwagenkäufe

Wenn man das Ergebnis der Pkw-Neuzulassungen analysiere, erkenne man einen steigenden Anteil privater Käufer. In Hessen seien dies 94.824 Privatkäufer. Dies sei eine Zunahme um 6,1 Prozent. "Die Mehrheit der Pkw-Neuzulassungen sind gewerbliche Zulassungen, Flottengeschäft, Vermieter und natürlich Hersteller und auch Handel mit Eigenzulassungen", sagte Karpinski. Hessen belege im Länder-Ranking nach Hamburg Platz zwei für die größten gewerblichen Zulassungszahlen. Nach vorläufigen Zahlen für das Jahr 2016 seien 73 Prozent aller Neuzulassungen gewerblich. Dies sei ein Prozentpunkt im Jahresvergleich weniger.

Für den Anstieg der privaten Käufe im Neuwagengeschäft nannte Karpinski drei Gründe.
Autofahrer hätten 2016 erstens wegen der niedrigen Rohölpreise so günstig getankt wie seit sieben Jahren nicht mehr. Dadurch habe man im privaten Budget für die Mobilität sparen können. Zweitens seien die Zinsen unverändert auf Tiefständen gewesen, so dass die Finanzierung der Autokäufe attraktiv gewesen sei. Der dritte Grund für die lebhafte private Nachfrage seien die besonderen Preis- und Finanzierungsleistungen gewesen. Karpinski: "Autokauf hat Spaß gemacht."

Die Enttäuschung des Jahres sei das Zulassungsergebnis für Elektro-Pkw. 1.511 (Vorjahr: 4.005) Stromer seien erstmals zugelassen worden. Bekanntlich habe es im Jahr 2015 verstärkte Zulassungsaktivitäten eines internationalen Herstellers gegeben, 3.800 taktische Zulassungen seien in die Statistik 2015 eingeflossen.

Diesel legt bei Gebrauchten zu

Der hessische Gebrauchtwagenmarkt sei auf dem hohen Niveau des Vorjahres erneut gewachsen. Plus 1,2 Prozent auf 567.389 (Vorjahr: 560.728) Besitzumschreibungen bestätigten die Dynamik des Geschäftes mit gebrauchten Pkw. In absoluten Zahlen sei dies ein Plus von fast 7.000 Fahrzeugen. Während der Privatmarkt auf einen Marktanteil von 32 (Vorjahr: 39) Prozent abgerutscht sei habe der Fachhandel seine Führungsposition erneut ausbauen können. Der Marktanteils-Gewinn beträgt 7 Prozentpunkte auf 68 Prozent.

Erfreulich sei im Gebrauchtwagenmarkt die Steigerungen beim Diesel. Während der Benziner lediglich um 0,1 Prozent zugelegt habe, sei der Diesel um 3,3 Prozent gewachsen. Diese Entwicklung müsse man sehr aufmerksam beobachten, denn die hohen Diesel-Zulassungen der vergangenen Jahre müssten abverkauft werden. Karpinski sagte dazu, Hessen sei im Automarkt traditionell eine Diesel-Hochburg. Die Quote sei allerdings bei neuen Pkw rückläufig von 50,6 Prozent im Jahr 2015 auf 49,0 Prozent. Wörtlich: "Das ist ein Rückgang, aber kein Absturz." Beim Gebrauchtwagen betrage die Diesel-Quote 34,1 (Vorjahr: 33.4) Prozent.

Starker Lkw-Markt

Uneinheitlich in den einzelnen Gewichtsklassen war der Lkw-Markt, dem Vize-Präsident Michael Kraft dennoch eine stabile Entwicklung bescheinigte. In Zahlen ausgedrückt wären 37.334 Transporter, also leichte Nutzfahrzeuge mit zulässigen Gesamtgewichten von bis zu 6 Tonnen neu zugelassen worden. Das entspreche einer Steigerung von 1,3 Prozent gegenüber dem Jahr 2015 (36.861). Bei den gebrauchten Transportern wären 42.226 Besitzumschreibungen erfolgt und damit 3,4 Prozent mehr als im Vorjahr (40.845). Bei den neuen Lkw sei ein Rückgang von 3,1 Prozent auf 4.752 Lkw (2015: 4.902) zu verzeichnen. Bei den gebrauchten Lkw hingegen stünden 4.022 Besitzumschreibungen zu Buche (Vorjahr: 3.881) Das entspreche ebenfalls einem Plus von 3,6 Prozent. Der Gesamtumsatz mit neuen und gebrauchten Lkw betrage 806 Millionen Euro. „Gegenüber 2015 mit 706 Millionen Euro Umsatz bedeute das eine Umsatzsteigerung von
100 Millionen Euro und erfreulichen 14 Prozent“ sagte Kraft wörtlich.

Plus bei Service-Aufträgen

"Nachgeholt" heiße das Erfolgsrezept im Service, der im Jahr 2015 deutliche Rückgänge hatte verzeichnen müssen. Einer deutlichen Zunahme von 11 Prozent bei den Service-Aufträgen und leichten Steigerungen bei den durchschnittlichen Aufwendungen für Wartungs- und Verschleißreparaturen sei die Steigerung des Serviceumsatzes um 5,2 Prozent auf 2,2
(Vorjahr: 2,1) Milliarden Euro zuzuschreiben. Ein weiterer Grund sei auch das unverändert wachsende durchschnittliche Fahrzeugalter. Hessen weise 9,5 Jahre aus. Dies sei etwas mehr als der Bundesdurchschnitt von 9,3 Jahren.

Ausbildungs-Bilanz

"Im Wettbewerb um den Nachwuchs hat sich das Kfz-Gewerbe wieder gut geschlagen."
Mit diesen Worten legte Kraft die hessische Ausbildungsbilanz vor. Das hessische Kfz-Gewerbe hat erneut mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr. In Hessen haben rund 1.500 (Bund: 21.500) neu angehende Kfz-Mechatroniker/innen in der Branche ihren Platz gefunden. Der Autoberuf Automobilkaufmann/frau würde in Hessen mit einem Plus von 12,6 Prozent sogar über dem Bundesdurchschnitt von 11,5 Prozent liegen. In diesem Beruf wurden 348 (Bund: 5.130) neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Bundesweit bilde das Kfz-Gewerbe 90.000 junge Menschen in technischen und kaufmännischen Berufen aus (Hessen: 6.500). Darüber hinaus biete die Branche zahlreiche Möglichkeiten der Weiterbildung für eine erfolgreiche Karriere, etwa zum selbstständigen Kfz-Meister oder zur Führungskraft im Autohaus oder in einer Meisterwerkstatt.

Lösungen, keine Verbote

Schulterschluss mit dem Kfz-Gewerbe Baden-Württemberg: Nach den lokalen Aktivitäten in Baden-Württemberg zur Blauen Plakette und den möglichen Fahrverboten für Diesel-Fahrzeuge müsse man "einen Flickenteppich der Verbote" vermeiden.

Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) Jürgen Resch, hat vor wenigen Tagen ein Komplettfahrverbot für alle Dieselfahrzeuge, egal welcher Schadstoffklasse, in Stuttgart gefordert. „Diese Forderung ist maßlos überzogen.“ sagte Karpinski und forderte die DUH auf, alle laufenden Gerichtsverfahren wegen Überschreitung der Grenzwerte für Luftqualität, wovon auch viele hessische Städte betroffen sind, mit sofortiger Wirkung auszusetzen. Die Verantwortung für den unzulässig hohen Schadstoffausstoß im Fahrbetrieb, den die DUH kritisiert, würden Autohersteller und Politik tragen. Es seien jetzt aber die Autobesitzer, die von der Vorgehensweise der DUH geschädigt würden. Dazu seien viele Kraftfahrzeugbetriebe in ihrer Existenz gefährdet, weil deren Bestand an Diesel-Gebrauchtwagen massiv an Wert verlieren könnte.

Letztendlich garantierten Diesel-Motoren nach wie vor einen geringen Verbrauch und damit auch niedrige CO2-Werte. 2020 müsste die von der EU vorgeschriebene CO2-Vorgabe von 95 Gramm pro Kilometer eingehalten werden. Man müsse ein großes Fragezeichen setzen, ob diese Grenzwerte ohne Diesel zu erreichen seien.

Falscher Verdacht

Bei der Feinstaubbelastung hätten die Industrieprozesse laut dem Umweltbundesamt den Löwenanteil von rund 39 Prozent, gefolgt von der Landwirtschaft mit etwa 22,5 Prozent. Dann erst folgten Haushalte und Kleinverbraucher sowie der Straßenverkehr mit jeweils knapp über 14 Prozent. „In die Köpfe der Menschen hat man einzig das Auto als Umweltsünder implantiert, obwohl gerade unsere Branche den Umweltschutz tagtäglich lebt und das Auto maßgeblich zu unserem Wohlstand beiträgt“, erklärte Karpinski. Das Auto sei nach der Immobilie die höchste private Investition, die sich nicht bereits nach kurzer Zeit als Verlustgeschäft erweisen dürfte. Hier fordert Karpinski „Politik mit Augenmaß“ und klare Aussagen, die den Autofahrern Rechtssicherheit für das Benutzen ihrer Fahrzeuge geben.

Letzte Änderung: 05.12.2017Webcode: 0111672