Kfz-Gewerbe Hessen: Aufbruch im Umbruch

Geschäftsführer Joachim Kuhn, Präsident Jürgen Karpinski, Vizepräsident Michael Kraft und Pressesprecher Roger Seidl. © Foto: Doris Plate/AUTOHAUS

Jürgen Karpinski, Präsident des Kfz-Landesverbandes Hessen, sagte vor Journalisten in Frankfurt, das Kaufinteresse des vergangenen Jahres widerlege die negative Stimmung gegen das Automobil. Wörtlich: "Ohne Auto geht es nicht. Dies gilt im Besonderen mit einem noch immer leistungsschwachen öffentlichen Verkehr außerhalb der Großstädte. Was geht ist der Strukturwandel, was nicht geht, ist ein Strukturbruch. Veränderungsprozesse brauchen Zeit." Die Stadtluft werde stetig besser. Hinter Fahrverbote gehöre in Kürze ein großes Fragezeichen.

Die Bilanz des Autojahres 2019 für Hessen weist nach Darstellung Karpinskis insgesamt rund 940.000 (Vorjahr: 918.098) Pkw-Verkäufe, davon 388.753 Neuwagen, aus. Dies sei eine Länderquote von 10,8 (Vorjahr: 10,7) Prozent. Der deutsche Automarkt sei im Dezember vor allem von zahlreichen taktischen Neuzulassungen geprägt. Dennoch sei das automobile Konsumklima im Jahr 2019 vor allem im gewerblichen Bereich auf hohem Niveau verlaufen trotz anhaltender Klima-Debatten. An Privat seien im Jahresvergleich rund 6.000 neue Pkw mehr verkauft worden. Ein Grund für das Wachstum der gewerblichen Neuzulassungen sei, dass Hersteller und Importeure ihre Händler insbesondere zum Jahresende gedrängt hätten, wegen der Verschärfung der CO2-Flottengrenzwerte zahlreiche Tageszulassungen vorzunehmen. Insofern schleppe der Handel einen Teil dieses "taktischen Wachstums" als zusätzliche Last mit in das neue Jahr. Und diese Tendenz drohe sich in diesem Jahr zu wiederholen.

Der Umsatz im Neuwagengeschäft im Pkw-Markt kletterte auf 13,2 (Vorjahr: 11,5) Milliarden Euro. Dies sei ein Zuwachs um 15,4 Prozent. Der Automobilhandel in Hessen habe beim Umsatz ebenso kräftig zugelegt. Das Wachstum habe 9,1 Prozent auf 8,0 (Vorjahr: 7,3) Milliarden Euro betragen. Ein Grund sei der höhere durchschnittliche Neuwagenpreis von 33.990 (Vorjahr: 31.270). Der Umsatz im Verkauf gebrauchter Pkw sei auf 6,8 Milliarden Euro gestiegen. Hier gebe es einen Anstieg des durchschnittlichen Gebrauchtwagenpreises auf 12.610 Euro.

Die Gebrauchtwagenbilanz werde spürbar getrübt durch den Verlust des Marktanteils im markengebundenen Handel. Insgesamt aber habe der Fachhandel seine Marktposition um einen Prozentpunkt auf 67 Prozent ausgebaut. Der Gewinner im Gebrauchtwagenmarkt sei der reine Gebrauchtwagenhandel, der 120.523 (Vorjahr: 88.308) Fahrzeuge verkauft habe. Im Markenhandel seien dies 246.526 (Vorjahr: 275.963) Verkäufe und im Privatmarkt 180.785 (Vorjahr: 187.654).

Wer hinter die Kennzahlen des hessischen Automarktes schaue, erkenne, dass 95,7 Prozent aller Neuzulassungen und Besitzumschreibungen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren seien. Der Anteil der Elektromobilität betrage 0,6 Prozent. Dieses Volumen werde im neuen Autojahr spürbar steigen, allein schon durch den Ausgleich der CO2-Emissionen durch Stromer. Autohersteller müssten bekanntlich den CO2-Flottengrenzwert von 95 Gramm pro Kilometer einhalten. Tun sie das nicht, drohten Strafzahlungen in Milliardenhöhe. Wegen dieser Regelung könnten die Anteile von Elektroautos am Gesamtabsatz deutlich steigen, sagte Karpinski. Wörtlich: "Ein Schlüsseljahr für die Elektromobilität?"


Nutzfahrzeugmarkt auf stabilem Hoch

Den Nutzfahrzeugmarkt in Hessen bezeichnete Vize-Präsident Michael Kraft als „einen Markt auf stabil hohem Niveau.“ In Zahlen ausgedrückt wären 48.487 Transporter, also leichte Nutzfahrzeuge mit zulässigen Gesamtgewichten von bis zu 6 Tonnen neu zugelassen worden. Das entspreche einer Steigerung von 9 Prozent gegenüber dem Jahr 2018 (44.487). Bei den gebrauchten Transportern wären 47.612 Besitzumschreibungen erfolgt und damit 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr (45.033). Bei den neuen Lkw wurden 5.032 Fahrzeuge zugelassen. Bei den gebrauchten Lkw stünden 4.207 Besitzumschreibungen zu Buche (Vorjahr: 4.108). Das entspreche einem Plus von 2,4 Prozent.

Der Gesamtumsatz mit neuen und gebrauchten Lkw betrage 908,2 Millionen Euro. Gegenüber 2018 mit 875,5 Millionen Euro Umsatz bedeute das eine Steigerung von 32,7 Millionen Euro und 3,7 Prozent.

Das Plus bei den Transportern liege am starken Bedarf bei Kurier-, Express- und Paketdiensten, die zu den wachstumsstärksten Wirtschaftszweigen gehöre.


Mehr Ausgaben 
für die Mobilität

Der durchschnittliche Neu- und Gebrauchtwagen habe in Hessen im vergangenen Jahr mehr gekostet. Ein neuer Pkw koste 33.990 Euro nach 31.270 Euro, ein Gebrauchter 12.610 Euro nach 11.870 Euro im Autojahr 2018.

Laut Michael Kraft sei ein Grund für den gestiegenen Neuwagenpreis auch die Verschiebung in den Marktsegmenten. Weniger Kleinwagen, mehr SUV seien verkauft worden. Kraft verwies auf den auf 21,1 um 20 Prozent gestiegenen Zulassungsanteil der SUV, räumte gleichzeitig aber mit Vorurteilen auf. Im Segment der SUV müsse man anerkennen, dass die Kompakt-Wagen die große Mehrheit seien. Kraft wörtlich: "Die Mär vom SUV als PS-Monster wird durch plakative Wiederholungen nicht wahrer." Es gelte auch zu berücksichtigen, dass sich der Marktanteil der Vans seit dem Jahr 2012 auf sechs Prozent nahezu halbiert habe.


Service mit 
starken Verlusten

Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte habe der Service starke Einbußen hinnehmen müssen. Der Umsatz sei um 10,6 Prozent auf 2,1 (Vorjahr: 2,3) Milliarden Euro gesunken. Im Service des Autojahres 2019 sei auffällig, dass die durchschnittlichen Wartungskosten dennoch um 5,3 Prozent auf 277 (Vorjahr: 263) Euro gestiegen seien, beim durchschnittlichen Reparaturauftrag sei man, wie der neue DAT-Report ermittelt habe, um drei Euro auf 180 Euro teurer geworden. Ursache des kräftigen Umsatzverlustes sei der spürbare Rückgang der Unfallreparaturen und eine im Jahresvergleich um drei Punkte auf 83 Prozent gesunkene Werkstattauslastung. Auch die Jahresfahrleistung sei um 310 auf 14.610 Kilometer gesunken. Kraft: "Es kann im Service nur besser werden.“


Die Stadtluft 
wird besser

Die Luft in deutschen Städten wird sauberer, die Belastung etwa durch Diesel-Abgase geht zurück. Einer Auswertung des Umweltbundesamts (UBA) zufolge wurde der Jahresmittelwert für das Stickstoffdioxid (NO2) von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft nur noch an rund 20 Prozent der verkehrsnahen Messstationen überschritten. 2018 waren es noch 42 Prozent. Dem Umweltbundesamt zufolge haben auch die Softwareupdates für die Abgasreinigung alter Diesel-Autos und der Austausch älterer Pkw durch neuere zu einer Verbesserung der Luftqualität beigetragen. Laut Karpinski wird auch die Diesel-Hardware-Nachrüstung, für die der Kfz-Verband bei Politik und Wirtschaft intensiv gekämpft habe, die Stickoxidbelastung weiter sinken lassen.
Deshalb fordert Karpinski: „Schluss mit Fahrverboten! Schluss mit den Eingriffen in die Freiheit der individuellen Mobilität!“


Ausbildungszahlen 
in Hessen top

Entgegen dem bundesweiten Trend seien in Hessen die Ausbildungszahlen in 2019 erneut um 3,1 Prozent auf ein Rekordniveau von 1.590 Kfz-Mechatronikern gestiegen. Bei den Automobilkaufleuten blieb es in 2019 bei einem konstant sehr guten Niveau von 384 Neuzugängen. „Mit dem Kfz-Mechatroniker haben wir einen attraktiven, auf die Zukunft gerichteten Beruf. Wer beispielsweise in einem unserer Meisterbetriebe seine Ausbildung mit der Fachrichtung Hochvolt- und Systemtechnik beginnt, wird nicht nur Elektro-Fahrzeuge warten und reparieren können, er ist auf das autonome Fahren ebenso vorbereitet wie auf den Service der zunehmenden Assistenzsysteme.“, sagte Michael Kraft.

In diesem Zusammenhang verwies Kraft auf eine wegweisende Initiative im Kfz-Verband, das Pilotprojekt der Online-Prüfung von Auszubildenden im Berufsbild Kfz-Mechatroniker.

An ausgewählten Standorten in Hessen haben rund 300 Auszubildende den ersten Teil der schriftlichen Gesellenprüfung am Laptop absolviert. Die elektronische Prüfung folge einem standardisierten, transparenten Verfahren mit verschiedenen digitalen Frageformaten. Neben klassischen Multiple-Choice-Fragen kämen z.B. Bildzuordnungsaufgaben, Lückentexte und mehrstufige Fehlererkennungsaufgaben, trotz des hohen Anspruchs, bei der heutige Generation der Prüflinge sehr gut an. Die Reihenfolge der Fragen sei für jeden einzelnen Prüfling zufällig, um Täuschungsversuche auszuschließen. Die Prüfungsergebnisse würden elektronisch ausgewertet und könnten über ein ausgeklügeltes Statistiksystem beurteilt werden. Dadurch erfolge auch eine permanente Qualitätsverbesserung jeder einzelnen Prüfungsaufgabe.

Die Online-Prüfung sei einer von mehreren Bausteinen bei der Digitalisierung der Ausbildung. Durch eine enge Verzahnung mit E-Learning-Angeboten, der Prüfungsvorbereitung und dem Online-Berichtsheft erschließe sich der gesamte Lernvorteil für die Auszubildenden. „Mit einer attraktiven und zeitgemäßen Ausbildung sollen Jugendliche für den Einstieg in das Kfz-Gewerbe zusätzlich begeistert werden.“, so Kraft.


Prognosen für 
das neue Jahr

Für das laufende Autojahr sieht Präsident Jürgen Karpinski "große Herausforderungen auf unsere Betriebe zukommen." Die Transformation zur Elektromobilität und anderen alternativen Mobilitätsformen fordere hohe Investitionen. Karpinski wiederholte seine Forderung, dass auch Autohäuser und Werkstätten finanzielle Förderung erhalten müssten, wenn sie öffentlich zugängliche Ladesäulen für E-Fahrzeuge schufen. Erste Förderanträge von Autohäusern waren von der zuständigen Bundesanstalt für Verwaltungsdienstleistungen (BAV) abgelehnt worden. Die Gewährung von Fördermitteln für Ladeeinrichtungen, die ohnehin errichtet würden, verstoße gegen das haushaltsrechtliche Subsidiaritätsprinzip. Diese Begründung habe zu Recht für Empörung bei den Autohäusern gesorgt. "Entscheidend muss sein, ob der Betrieb auf eigene Kosten eine im öffentlichen Interesse liegende Ladeeinrichtung bereitstellt“, so Karpinski, der in einem Schreiben an Verkehrsminister Scheuer seinen Unmut formuliert habe. Hessen benötige für eine leistungsfähige Ladeinfrastruktur "jede Säule". Derzeit gebe es nach Angaben der Bundesnetzagentur knapp 800 Ladepunkte in Hessen.

Zu den Erwartungen ergänzte der Präsident des Kfz-Verbandes, jedes zweite Autohaus plane für das Jahr 2020 sein Umsatzniveau zu halten oder zu steigern. 50,3 Prozent der Betriebe rechneten mit gleichbleibenden oder steigenden Erlösen, wie aus einer Umfrage hervorgehe. Allerdings wagten auch rund 30 Prozent keine Prognose für 2020. Karpinski sagte, es sei hinreichend bekannt, dass es zwischen der eigenen Firmenkonjunktur und dem Marktgeschehen teilweise deutliche Unterschiede geben könne.

Die Elektromobilität werde auch mit erheblichen Sondereffekten wie hoher Kaufprämie, Steuererleichterungen und Verkaufsaktionen der Hersteller und Importeure kräftig zulegen.

Karpinski sagte, die Branche erwarte im Geschäft mit gebrauchten Pkw ein Volumen um 540.000 Besitzumschreibungen und prognostiziere für die Pkw-Neuzulassungen einen Absatz von 360.000 Verkäufen. Der negative Jahresstart bei den Pkw-Neuzulassungen sollte nicht überbewertet werden.

 

 

Letzte Änderung: 07.10.2020Webcode: 0128258