Kfz-Gewerbe Hessen zieht Jahresbilanz: Viel verkauft, weniger verdient

Standen Rede und Antwort vor Journalisten in Frankfurt: Präsident Jürgen Karpinski (2. von links), Vizepräsident Michael Kraft (2. von rechts) Geschäftsführer Joachim Kuhn (links), Pressesprecher Roger Seidl (rechts)
(Quelle: LV Hessen)

[08.03.2018] Das hessische Kfz-Gewerbe hat für das Autojahr 2017 eine von der Diesel-Debatte stark belastete Bilanz vorgelegt. 27.350 Diesel wurden im Neu- und Gebrauchtwagenmarkt im Jahresvergleich weniger verkauft. Stark sinkende Restwerte und längere Standzeiten für gebrauchte Diesel-Pkw führten zu einer geringeren Umsatzrendite zwischen 1,3 und 1,6 (Vorjahr: 1,7) Prozent. Im hessischen Automarkt wurden im Jahr 2017 mit dem Verkauf neuer und gebrauchter Pkw und Lkw sowie mit dem Werkstattservice 20,7 Milliarden Euro umgesetzt. Dies ist ein Plus von 2,4 Prozent. Jürgen Karpinski, Präsident des hessischen Kfz-Gewerbes, sagte vor Journalisten in Frankfurt, "der Automarkt hat vor allem durch seine Rahmenbedingungen eine Art Geisterfahrt erlebt, bei der viel Ungemach entgegenkam". Nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 27. Februar zu den Maßnahmen der Luftreinhaltung, nach dem Städte Fahrverbote für Dieselautos aussprechen dürfen, könne es nur eine Prognose mit Fragezeichen geben. Trotz des gelungenen Jahresstarts mit fast 8 Prozent Plus bei den Neuzulassungen und einem Zuwachs bei den Besitzumschreibungen von 5,8 Prozent fehle es durch politische Zurückhaltung an Stabilität und Planbarkeit.

„Wir brauchen jetzt dringend eine Nachrüstverordnung für ältere Dieselfahrzeuge mit stickoxidreduzierender Abgasreinigungstechnik“ forderte Karpinski. Dass dies technisch möglich sei und den Stickoxidausstoß drastisch reduziere, hätten Tests des ADAC in Baden-Württemberg eindrucksvoll bewiesen. Karpinski richtete seine Kritik auch an die Hersteller: „Würden sich die Fahrzeughersteller der Hardware-Nachrüstung nicht vehement widersetzen, hätten schon längst Lösungen erzielt werden können“. Hier sei auch die massive Unterstützung der Politik auf Bundes- und Landesebene erforderlich. Karpinski weiter: „Fahrverbote sind der falsche Weg. Wir lehnen sie weiter entschieden ab und appellieren an die Kommunen und Städte, alles zu tun, um sie zu vermeiden.“

Trotz der anhaltenden Diesel-Debatten die so Karpinski wörtlich: "Von einigen Seiten unverändert überhitzt und vielfach auch faktenfrei geführt werden", sei das Kaufinteresse stabil geblieben. 928.955 Autokäufe seien zwar ein Plus von 3,1 Prozent im Jahresvergleich, doch dürfe man die angeschobenen Neuwagenverkäufe durch die Diesel-Tausch-Prämie nicht vergessen.
Diese subventionierten Neuwagen-Käufe seien zulasten des Gebrauchtwagen-Marktes erfolgt. Vor allem dem freien Markt würde Wartungs-Volumen entzogen werden.

Insgesamt seien 370.171 Neuwagen und damit 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr verkauft worden. Folglich sei der Umsatz mit dem Verkauf neuer Pkw im Gesamtmarkt auf 11,4 Milliarden Euro gestiegen. Ein Plus von 7,3 Prozent. Der Automobilhandel habe 7,3 (Vorjahr: 7,2) Milliarden Euro umgesetzt.

Eine Besonderheit des hessischen Neuwagenmarktes sei der hohe Anteil gewerblicher Verkäufe mit rund 73 Prozent. Dies seien rund acht Prozentpunkte mehr als im Bundesdurchschnitt. Karpinski: "Nur im Stadtstaat Hamburg ist der gewerbliche Anteil der Neuzulassungen höher." Dies werde auch in der Anzahl der privaten Käufe reflektiert, mit 99.946 neuen und 178.811 gebrauchten Pkw.

Eine Kehrseite der Medaille in Hessen sei der hohe Diesel-Anteil, der auf 41,2 Prozent abgerutscht sei. Der Diesel habe in den vergangenen vier Jahren zwanzig Prozent verloren, denn im Jahr 2014 habe sein Anteil an den Neuzulassungen noch 51,2 Prozent betragen. Die Wanderungsbewegung vom Diesel- zum Benzin-Pkw sei umweltpolitisch "in hohem Maße bedenklich", sagte Karpinski mit Hinweis darauf, dass 2020 die von der EU vorgeschriebene CO2-Vorgabe von 95 Gramm pro Kilometer eingehalten werden müsste. Wörtlich: "Ich setze heute ein großes Fragezeichen, ob diese Grenzwerte ohne Diesel zu erreichen sind."

Beim Markt für gebrauchte Pkw weise die Jahresbilanz 558.784 (Vorjahr: 567.389) Besitzumschreibungen aus. Ein Minus von 1,5 Prozent. 379.973 Verkäufe mit einem Umsatz von 5,1 Milliarden Euro im Handel und 178.811 Umschreibungen im Volumen von 1,2 Milliarden Euro im Privatmarkt bildeten das Gesamtergebnis ab.

Der durchschnittliche Preis eines Gebrauchten habe sich auf 11.560 (Vorjahr: 11.630) Euro reduziert. Karpinski sagte, der Gebrauchtwagenmarkt gewinne trotz der "Diesel-Prämien-Delle im Autojahr 2017" von Jahr zu Jahr an Bedeutung für den Fachhandel, der aufgrund der Kundenwünsche nach jungen und gut ausgestatteten Gebrauchtwagen der Marktführer sei. Auffällig sei im vergangenen Jahr der Rückgang der "sehr jungen Gebrauchten bis 12 Monate" gewesen. Diesem Minus von 1,8 Prozent stehe ein Wachstum um 6,5 Prozent in der Altersklasse 12 bis 14 Monate gegenüber. Dies bestätige bei den stark gefragten jungen Gebrauchtwagen unverändert eine dynamische Entwicklung. Der Gebrauchte im Fachhandel sei im Durchschnitt 4,4 Jahre alt und habe eine Laufleistung von 50.420 Kilometern. Im Privatmarkt sei der Gebrauchte hingegen im Durchschnitt 8,9 Jahre alt mit 106.770 Kilometer auf dem Tachometer.

Dem Nutzfahrzeugmarkt in Hessen bescheinigte Vize-Präsident Michael Kraft „eine deutlich bessere Entwicklung als erwartet.“ In Zahlen ausgedrückt wären 41.582 Transporter, also leichte Nutzfahrzeuge mit zulässigen Gesamtgewichten von bis zu 6 Tonnen neu zugelassen worden. Das entspreche einer Steigerung von 11,4 Prozent gegenüber dem Jahr 2016 (37.334). Bei den gebrauchten Transportern wären 43.819 Besitzumschreibungen erfolgt und damit 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr (42.226). Bei den neuen Lkw sei ebenfalls eine Steigerung von 5,8 Prozent auf 5.027 Lkw (2016: 4.752) zu verzeichnen. Bei den gebrauchten Lkw stünden 4.043 Besitzumschreibungen zu Buche (Vorjahr: 4.022). Das entspreche ebenfalls einem Plus von 0,5 Prozent. Der Gesamtumsatz mit neuen und gebrauchten Lkw betrage 833 Millionen Euro. Gegenüber 2016 mit 806 Millionen Euro Umsatz bedeute das eine Steigerung von 27 Millionen Euro und 3,4 Prozent.

Der auf 30.660 Euro gestiegene durchschnittliche Neuwagenpreis habe laut Kraft "seine große Ursache" im unverändert steigenden Kaufinteresse für SUV. Das zwischenzeitlich auf rund 80 Modelle gewachsene Segment habe im vergangenen Jahr mit 23,9 Prozent und einem Plus von rund 15 Prozent den ersten Rang belegt.

Das Segment der alternativen Antriebe sei unverändert von noch geringer Bedeutung mit einer Quote von lediglich 3 (Vorjahr: 1,7) Prozent. Insgesamt weise diese Gruppe 10.971 (Vorjahr: 6.091) Neuzulassungen aus. Bei Gebrauchtwagen liege die Quote bei 1,7 (Vorjahr:1,5) Prozent und 9.278 (Vorjahr: 8.582) Halterwechseln.

Führend im Ranking der alternativen Antriebe seien die Hybrid-Pkw mit 6.591 (Vorjahr: 4.033) Neuzulassungen und 2.968 (Vorjahr: 2.054) Besitzumschreibungen, während batteriebetriebene Fahrzeuge mit 3.673 (Vorjahr: 1.511) neuen und 473 (Vorjahr: 311) gebrauchten Pkw in der Statistik stünden. Mit Blick auf die Umweltbilanz dürften Gas-Pkw nicht vergessen werden, die 5.837
(Vorjahr: 6.217) Umschreibungen und 707 (Vorjahr: 547) Neuzulassungen erreichten. Karpinski sagte, von den Zulassungshöchstständen Ende der 2000er Jahren seien die Gas-Fahrzeuge noch weit entfernt. Die Politik habe dabei mit ihrem unentschlossenen Hin und Her über die Steuervorteile am Rückgang der Gas-Pkw einen nicht unerheblichen Anteil. Kosten- und Umweltvorteile des Gas-Betriebs verdienten höheres Kaufinteresse.

Zu den Konstanten in der Bilanz des hessischen Kfz-Gewerbes zähle der Service, der im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent auf 2,23 Milliarden Euro leicht gewachsen sei. Das auf den ersten Blick kleine Plus, sagte Kraft, sei durchaus beachtlich, denn bei den Werkstatt-Aufträgen pro Betrieb verzeichne man einen Anstieg um 2,7 Prozent auf 1.915 Aufträge. Dieses Plus sei allerdings davon beeinflusst, dass Aufträge mit Software-Updates zu einem geringeren Preis erledigt werden mussten. „Auch hier ist der Diesel zu spüren, respektive die Konsequenzen aus den Diskussionen darüber“, räumte Kraft ein.

"Viel verkauft, weniger verdient" ist der Leitsatz für das Autojahr 2017, denn die Umsatzrendite ist, wie Karpinski sagte, von 1,7 auf vorläufig 1,3 Prozent geschrumpft. Wesentlichen Anteil an diesen unzureichenden Erlösen habe die "teuflische Diesel-Diskussion", denn der Automobilhandel habe nicht nur weniger verkauft, sondern müsse Restwerte markant nach unten korrigieren und für immer längere Standtage beim Verkauf gebrauchter Diesel immer höhere Kosten aufbringen.

Statistisch betrachtet stünden auf den Höfen der hessischen Automobilhändler rund 30.000 Euro 5-Diesel "wie Blei und angewachsen" mit einem Volumen von ca. 400 Mio. Euro. Das führe zu teilweise existenzbedrohenden Belastungen. Deswegen forderten die Autohäuser Unterstützung von Herstellern und Importeuren. Dies werde bereits von Mercedes und BMW geleistet, sagte Karpinski und ergänzte, alle Hersteller und Importeure seien in dieser Frage gefordert. Dies gelte im Besonderen für die Auslöser der Diesel-Diskussionen.

Besonders zufrieden zeigte sich Kraft mit der Ausbildungsbilanz in Hessen. 1.527 neue Ausbildungsverträge für den Kfz-Mechatroniker seien ein Plus von 3,5 Prozent. Automobilkaufleute seien mit einem Plus von 8,6 Prozent auf 378 Auszubildende in der Bilanz vertreten. Trotz dieser Steigerungen sei es nicht gelungen, alle Ausbildungsstellen zu besetzen. Dem Kraftfahrzeuggewerbe könne weiterhin eine top Ausbildungsleistung zugesprochen werden. Insgesamt sei das ein gutes Signal für die Kfz-Branche, zeigt es doch, dass die Unternehmen trotz Dieseldrama und Digitalisierung an eine Zukunft mit steigendem Fachkräftebedarf glauben.

Die Prognosen für das neue Autojahr wären mit einigen Fragezeichen verbunden. Aufgrund der weiterhin guten Wirtschafts-, Einkommens- und vor allem Beschäftigungsentwicklung falle der Ausblick für das Jahr 2018 positiv aus. Da allerdings die auslaufenden Dieselprämien zu Gegeneffekten im ersten Quartal führen könnten, erwarte der Verband ein langsameres Wachstum.

Trotz aller Skepsis, die auch aus den weiterhin zu befürchteten Diesel-Debatten und Diskussionen um Fahrverbote entstünden, gehe der Verband von einer stabilen Anzahl von Autokäufen aus: 930.000 Autokäufe, davon 385.000 neue und 545.000 gebrauchte Pkw.

Das Werkstattgeschäft werde sich auf dem Niveau des Vorjahres bewegen. Sollte indes die Hardware-Nachrüstung für Euro 5-Diesel-Fahrzeuge beschlossen werden, erfahre der Service durchaus Impulse. Die Branche müsse sich aber vor allem auch im freien Bereich stärker als bisher mit den Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung beschäftigen.

Mit Blick auf die Politik ging Karpinski auf die Landtagswahl in Hessen ein. Die zurückliegende Regierungsphase der hessischen Landesregierung sei durch eine erfolgreiche schwarz-grüne Koalition mit Volker Bouffier und Tarek Al-Wazir geprägt. Kaum eine andere Landesregierung hätte so viel in die Verkehrsinfrastruktur und in die Maßnahmen zur Beruflichen Bildung in Hessen investiert.
„Wir begrüßen auch sehr die zugesagte Unterstützung zur Meisterprüfung von 1.000 Euro, die ein erster Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung mit der akademischen Weiterbildung ist“ sagte Karpinski abschließend.

Letzte Änderung: 09.03.2018Webcode: 0118617