Hessisches Kfz-Gewerbe - Guter Jahrgang trotz Schatten

Mitgliederversammlung des Kfz-Gewerbes Hessen in Hanau (Quelle LV Hessen).

[05.05.2017] 

Wiesbaden, 4. Mai 2017. Ein Umsatzvolumen von erstmals über 20 Milliarden Euro im vergangenen Jahr bescherte dem hessischen Kfz-Gewerbe eine neue Bestmarke. Investitionen in verpflichtende Auflagen der Hersteller, gesetzliche Vorgaben, etwa die Richtlinie für einen neuen Scheinwerfer-Einstellplatz, das Aufkommen digitaler Verkaufskonzepte oder in neue Werkstatttechnik führten aber dazu, dass die vorläufige Rendite im Kfz-Gewerbe mit 1,6 Prozent nicht auskömmlich ist. Als „guten Jahrgang mit Schatten" bezeichnete demnach Verbandspräsident Jürgen Karpinski die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen 2016 auf der 81. Mitgliederversammlung des Hessischen Kfz-Gewerbes, zu der am 28. und 29. April, Eberhard von Keutz, Obermeister der Kfz-Innung Hanau/Schlüchtern, die Delegierten aller hessischen Kfz-Innungen eingeladen hat.

Als „vollen Erfolg für das Kfz-Gewerbe" bezeichnete Karpinski die Entscheidung von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, die verpflichtende Abgasmessung am Endrohr in Kombination mit der elektronischen OBD-Prüfung bei der Abgasuntersuchung (AU) wieder für alle Kraftfahrzeuge einzuführen sowie Erleichterungen bei den „Roten Kennzeichen". Der Verordnungsgeber hat für die Zukunft geregelt, dass zu den privilegierten Prüfungs-, Probe- oder Überführungsfahrten nunmehr auch die notwendigen Fahrten zum Tanken und zur Außenreinigung sowie notwendige Fahrten zum Zwecke der Reparatur oder Wartung der betreffenden Fahrzeuge zählen.

Auch beim Thema „Rundfunkgebühren für Vorführwagen" hofft der Verband auf eine positive Entwicklung und wird gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Sigmaringen Rechtsmittel einlegen. In dem vom ZDK unterstützten Musterverfahren eines Autohauses hatte das Gericht in erster Instanz entschieden, dass auch jeder Vorführwagen einer Rundfunkbeitragspflicht unterliegt. „Wir sind davon überzeugt, dass Vorführwagen als Handelsware zu gelten haben und dafür eben kein Rundfunkbeitrag zu entrichten ist. Daher werden wir diesen Prozess bis zur letzten Instanz ausfechten." kündigte Karpinski an.

Nach der Schiedsstellenstatistik des hessischen Kfz-Gewerbes gingen im Jahr 2016 insgesamt 429 Anträge von Werkstattkunden und Gebrauchtwagenkäufern bei den hessischen Kfz-Schiedsstellen ein. Das waren 16 Anträge (3,7 Prozent) weniger als im Jahr zuvor. 260 Anträge wurden bereits im Vorverfahren geregelt. In 131 Fällen (30,5 Prozent) konnte dem Kunden nicht geholfen werden, weil die Werkstatt oder der Gebrauchtwagenhändler nicht Mitglied der Kfz-Innung war. Nur 137 Werkstattreklamationen haben zu einem Schiedsverfahren geführt.

Insgesamt wurden 116 Verfahren (27 Prozent) durch einen Vergleich beendet. In 16 Fällen (3,7 Prozent) entschied die Kommission für den Antragsteller und in 29 Fällen (6,8 Prozent) ging das Verfahren zugunsten der Werkstatt beziehungsweise des Gebrauchtwagenhändlers aus. Die restlichen Verfahren waren zum Ende des Berichtsjahres 2016 noch nicht abgeschlossen. Seit Februar 2017 müssen Kfz-Betriebe darüber informieren, ob sie an Streitbeilegungsverfahren vor einer Verbraucherschlichtungsstelle teilnehmen. Karpinski: „Wir haben ein gut funktionierendes Schlichtungssystem und die Innungsbetriebe können ihren Kunden empfehlen, im Streitfall auf die branchenspezifischen Kfz-Schiedsstellen zurückzugreifen."

„Aufpassen müssen wir bei den derzeitigen Bestrebungen der Europäischen Kommission zum Verbraucherschutz." sagte Karpinski mit Blick auf die beabsichtigten Änderungen im Onlinehandel. Jetzt würde das Parlament einen Schritt weiter gehen und mit seinem Richtlinienvorschlag die Verbraucherrechte auch auf den stationären Einzelhandel erweitern. In der Diskussion stünde eine Sachmängelhaftungsfrist für gebrauchte Waren von zwei Jahren und eine Erweiterung der Beweislastumkehr von 6 auf 24 Monate. Zudem soll der Kunde die Möglichkeit haben, schon bei geringen Mängeln den Vertrag zu beenden. Der Rechtsausschuss des Parlaments schlägt sogar eine sogenannte „Lifespan Guarantee" vor, also eine an die Lebensdauer des Produkts gekoppelte Sachmängelhaftungsfrist. Das heißt, der Hersteller soll angeben, wie lange seine Produkte halten und in dieser Zeit kann der Verbraucher Sachmängelhaftungsansprüche geltend machen. „Es ist also ausgesprochen wichtig, dass auf allen Ebenen der Verbandsorganisation das Gespräch mit Politikern gesucht wird, um sie für die Auswirkungen der geplanten Richtlinie auf Autohäuser und Werkstätten zu sensibilisieren.

Vom Hessischen Umweltministerium hatte der Verband Frau Dr. Marita Mang zu Gast, die in Ihrem Vortrag zur Blauen Umweltplakette als Hauptverursacher für die Stickoxidbelastung den Straßenverkehr sieht. Es folgten mit Abstand die Industrie und die Heizungen in den Privathaushalten. Fast die Hälfte der durch den Verkehr produzierten Belastung käme von Dieselfahrzeugen. Nur die schweren Diesel-Lkw würden die Grenzwerte einhalten. Maßnahmen zur Einhaltung der Schadstoffgrenzwerte sieht Dr. Mang in der Umstellung auf Elektro-Busse, den Ausbau des ÖPNV und der Radwege sowie in der Verkehrsverflüssigung. Da diese Maßnahmen aber nicht ausreichen werden, um die Grenzwerte einzuhalten, würden Dieselfahrverbote in Erwägung gezogen. Um die Kontrollierbarkeit von Dieselfahrzeugen durch die Ordnungsbehörde zu gewährleisten, wäre die Einführung einer blauen Plakette notwendig, die aber in dieser Legislaturperiode nicht zu erwarten sei.

Die aktuellen Messwerte und statistischen Hochrechnungen dürfen aber keinesfalls eine technologieoffene Diskussion für mögliche Lösungsansätze einschränken, so Karpinski zu den Ausführungen von Frau Dr. Mang, denn längst würde deutlich, dass die Einhaltung der Stickoxidemissionen nicht eine Frage der technischen Möglichkeiten, sondern vielmehr der politischen Vorgaben für die Typgenehmigungsverfahren sei. Der Dieselmotor sei heute eine deutsche Spitzentechnologie, mit der Wertbeständigkeit und Effizienz verknüpft werden und ohne dessen Zutun die Klimaschutzziele in Europa nicht erreicht werden können, so Karpinski. Deshalb könne es mittelfristig nur eine Lösung mit modernen Dieselmotoren geben, deren vorgeschriebene Emissionswerte unter reellen Fahrbedingungen eingehalten werden.

Thorsten Krämer, Vorstandsmitglied des Landesverbandes, präsentierte in seinem Vortrag zur Berufsbildung die Lehrlingsstatistik 2016 der hessischen Handwerkskammern. Danach würden zum 31.12.2016 im hessischen Kfz-Handwerk rund 1.600 Betriebe ausbilden. Mit 1.368 neuen Kfz-Mechatronikern hätten die Betriebe in 2016 mehr Auszubildende eingestellt als in den letzten

10 Jahren davor. Der positive Ausbildungstrend wäre auch bei den Automobilkaufleuten sehr deutlich. Mit aktuell 348 neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnissen wurde in Hessen die höchste Zahl an neuen Ausbildungsverträgen seit 1998 registriert.

Zur neuen Ausbildungsverordnung für die Automobilkaufleute referierte die ZDK-Geschäftsführerin der Abteilung Berufsbildung, Frau Birgit Behrens. Alle neuen Ausbildungsverhältnisse ab dem ersten August 2017 würden unter die neue Verordnung fallen und die Auszubildenden würden eine gestreckte Gesellenprüfung durchlaufen, wie heute in den meisten dualen Ausbildungsberufen üblich ist. Den aktuellen Stand zur neuen Meisterverordnung im Kfz-Technikerhandwerk vermittelte Herr Joachim Syha, Technischer Referent beim Zentralverband.

Als besonderen Gast hatte das Hessische Kfz-Gewerbe Ingrid Amon eingeladen. Die bekannte Expertin für Stimm- und Sprechtechnik zeigte in Ihrem Vortrag „Die Kraft des Wortes", dass die Stimme das Vehikel zu mehr Erfolg sei, Trägermedium jeder Botschaft und Schlüsselreiz in der Kommunikation. „Die untrainierte, gestresste Stimme kann das beste Outfit unwirksam machen" so Amon. Die Macht der Stimme sei in allen Sprachen gleich, weil sie gesetzmäßigen mechanisch-funktionellen und wahrnehmungspsychologischen Abläufen gehorche.

Weitere aktuelle Themen waren u.a. die neue Fahrzeuguntersuchungsverordnung und die Kalibrierung von Prüfmitteln sowie die Imagekampagne des Fabrikatshandels „Deine Autohäuser".

Zu Beginn der Mitgliederversammlung wurde der gastgebende Obermeister Eberhard von Keutz mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet. Bei der Abendveranstaltung erhielt Herr Karl Möller die ZDK-Ehrennadel. Die silberne Ehrennadel des Kfz-Gewerbes Hessen wurde Herrn Wolfram-Gerhard Hüttenrauch verliehen. Die Herren Andreas Wombacher und Willy-Dieter Hof wurden für ihre herausragenden Leistungen im Kfz-Gewerbe mit der goldenen Ehrennadel des Kfz-Gewerbes Hessen ausgezeichnet.

Letzte Änderung: 05.12.2017Webcode: 0113834