1,4 Milliarden Umsatzplus im Hessischen Kfz-Gewerbe

Bildunterschrift (Quelle Baeuchle): Präsident Jürgen Karpinski (vorne), Vizepräsident Michael Kraft (2. von rechts), Geschäftsführer Joachim Kuhn (links), Pressesprecher Roger Seidl (rechts)

[08.03.2016] Gesamtmarkt setzt fast 19 Milliarden Euro um - 900.000 Autokäufe - Leichter Anstieg beim Neuwagen-Preis - Lkw im Plus - Service-Umsatz steigt - Fahrzeugbestand angestiegen - Gute Ausbildungs-Bilanz - Nein zum Bargeld-Limit - Elektro-Mobilität in der Normalität - Kauf-Prämie wird abgelehnt - Vorsicht bei Versicherungs-Apps -

Das hessische Kfz-Gewerbe hat im Autojahr 2015 ein kräftiges Umsatz-Plus von 1,4 Milliarden Euro verbucht. Auf 18,7 (Vorjahr: 17,3) Milliarden Euro stiegen die Umsätze aus dem Verkauf neuer und gebrauchter Pkw und Lkw sowie dem Service. 904.473 (Vorjahr: 854.150) Autokäufe, davon 562.031 (Vorjahr: 520.585) in den hessischen Autohäusern, sind das höchste Verkaufsergebnis seit dem Jahr 2009. Die im Bundesvergleich überdurchschnittlich hohen Zuwächse im Neuwagen-Markt von 9 Prozent und im Gebrauchtwagen-Markt mit 4,1 Prozent reflektierten einen dynamischen Automarkt, sagte Jürgen Karpinski, Präsident des Landesverbandes Hessen im Deutschen Kfz-Gewerbe vor Journalisten in Frankfurt. Die Branche blicke mit einem Umsatzplus von 1,3 Prozent auf ein erfreuliches Werkstattgeschäft zurück. Karpinski erwartet für 2016 "ein Autojahr auf Vorjahres-Niveau". Der Neuwagenumsatz im hessischen Markt betrage zehn (Vorjahr: 9,2) Milliarden Euro. Ein Plus von 9,1 Prozent.

Gebrauchtwagenumsatz im Markt: 6,0 Milliarden, ein Plus von 9,5 Prozent. Davon Anteil des Fachhandels, der sich aus Marken- und reinem Gebrauchtwagenhandel zusammensetze: 4,4 Milliarden Euro, ein Plus von 7,3 Prozent. Service-Umsatz jetzt 2,11 Milliarden Euro, ein Plus von 1,3 Prozent. Nutzfahrzeuge neu und gebraucht: 706 (Vorjahr: 679) Millionen Euro, ein Plus von 4,0 Prozent.

Die Gesamtumsatzrendite vor Steuern betrage rund 1,4 Prozent. Damit sei die Branche noch entfernt von 3 Prozent Mindestrendite. Diese 3 Prozent Rendite würden benötigt, um in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter, in moderne Werkstatttechnik und „nicht zuletzt in Glas, Stahl und Steine nach den Vorgaben der Hersteller für den Neuwagenvertrieb zu investieren“, so Karpinski.

Insgesamt wurden Karpinskis Angaben zufolge im vergangenen Jahr 904.473 (Vorjahr: 854.150) Autokäufe registriert, davon 343.745 (Vorjahr: 315.433) Neuwagen. Ein überdurchschnittliches Plus habe es für Diesel mit 7,7 Prozent auf 173.962 (Vorjahr: 161.492) Zulassungen gegeben. Die Dieselquote habe somit 50,6 (Vorjahr: 51,2) Prozent erreicht. 161.782 (Vorjahr: 149.728) Benziner stünden in der Jahres-Bilanz.

Enttäuschend sei das Autojahr 2015 für das Segment der Neuwagen mit alternativen Antrieben gewesen. Abwärts sei es im Jahresergebnis für die gasbetriebenen Pkw gegangen. 902 (Vorjahr: 1.253) derartige Pkw seien verkauft worden.

Die um Sonder-Effekte angereicherte Zulassungs-Statistik für Elektro-Mobile weise 4.005 (Vorjahr: 535) Fahrzeuge aus. Bereinigt könne man jedoch von einem Verkaufsergebnis auf dem Niveau des Jahres 2014 ausgehen. Karpinski verwies in diesem Zusammenhang auf Neuzulassungen eines Importeurs, die mehrheitlich in den Export gegangen seien.

Das hessische Kfz-Gewerbe bleibe bei seinem Nein zur Elektro-Kaufprämie. Diese Kaufprämie sorge, wie Erfahrungen des Jahres 2015 zeigten, lediglich für Mitnahmeeffekte. Ziel müsse es deshalb sein, die Vorbehalte der Kunden durch Produktverbesserungen und einen Ausbau der Ladeinfrastruktur auszuräumen, statt durch Geldprämien ein Strohfeuer zu entfachen.

Die Entwicklung der durchschnittlichen Preise für Neu- und Gebrauchtwagen in Höhe von 29.030 bzw. 10.740 Euro zeige das unterschiedliche Kaufverhalten. Private Käufer tendierten immer stärker zu einem jungen, gut ausgestatteten Gebrauchten. Hersteller und Handel belieferten diesen Markt mit ihren Eigenzulassungen.

Die Käufer im Neuwagen- und Gebrauchtwagenmarkt haben Karpinskis Angaben zufolge mehr Geld ausgegeben, wenn sie sich in 2015 ein Auto gekauft haben. Im Durchschnitt sei ein Neuwagen aber lediglich um 20 Euro teurer geworden. Dies sei einer der geringsten Preisanstiege der vergangenen Jahre gewesen. Anders sehe es beim Gebrauchtwagen aus, der im Durchschnittspreis um rund 650 Euro auf 10.740 Euro zugelegt habe.

Im expandierenden Gebrauchtwagenmarkt, der mit 4,1 Prozent Plus auf rund 561.000 Verkäufe überdurchschnittlich abgeschlossen habe, verzeichne der Markenhandel einen Marktanteils-Gewinn von vier Prozentpunkten auf 42 Prozent. Jeweils zwei Prozentpunkte hätten der reine Gebrauchtwagenhandel und der Privatmarkt verloren. Deren Marktanteile beliefen sich jetzt auf 19 bzw. 39 Prozent.

Der Nutzfahrzeugmarkt in Hessen habe sich deutlich besser entwickelt als vor einem Jahr erwartet, erklärte Michael Kraft, Vizepräsident des Hessischen Kfz-Verbandes. In 2015 wurden insgesamt 85.965 Nutzfahrzeugverkäufe (2014: 81.375) mit einem Plus von 5,6 Prozent getätigt.

Der Gesamtumsatz 2015 mit neuen und gebrauchten Nutzfahrzeugen in Hessen, habe 706 Millionen Euro betragen. Gegenüber 2014 mit 679 Millionen Euro Umsatz sei das eine Umsatzsteigerung von 4 Prozent.

Für das Jahr 2016 geht das Hessische Kfz-Gewerbe insgesamt von einem wörtlich: „stabilen Nutzfahrzeugmarkt auf hohem Niveau“ aus.

Das hessische Kfz-Gewerbe hat erneut deutlich mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr. In Hessen haben rund 1.500 neu angehende Kfz-Mechatroniker/innen in der Branche ihren Platz gefunden. Das entspricht einem Zuwachs von 5,2 Prozent.

Bundesweit bildet das Kfz-Gewerbe 90.000 junge Menschen in technischen und kaufmännischen Berufen aus (Hessen: 6.500). Darüber hinaus biete die Branche zahlreiche Möglichkeiten der Weiterbildung für eine erfolgreiche Karriere, etwa zum selbstständigen Kfz-Meister oder zur Führungskraft im Autohaus oder in einer Meisterwerkstatt.

Als verkappte Steuererhöhung bezeichnete Karpinski die von Bundesumweltministerin Hendricks geforderte zusätzliche CO2-Abgabe. Sie würde sogar Fahrzeuge betreffen, die den ab 2020 gültigen CO2-Grenzwert von 95 Gramm pro Kilometer einhalten. Bereits heute orientiere sich die Kfz-Steuer bekanntlich am CO2-Ausstoß. „Im Koalitionsvertrag hingegen steht klipp und klar, dass Steuererhöhungen in dieser Legislaturperiode ausgeschlossen sind. Wie passt das mit der Forderung der Umweltministerin zusammen?“, fragte der Verbandspräsident.

Auch der von ihr und anderen ins Gespräch gebrachten Erhöhung des Steuersatzes auf Dieselkraftstoff erteilte das Hessische Kfz-Gewerbe eine Absage. Das träfe vor allem viele Millionen Berufspendler, die sich aus guten Gründen für sparsame und effiziente Dieselfahrzeuge entschieden hätten.

Der Diesel habe bundesweit um 5,9 Prozent zugelegt (Hessen 7,7 Prozent). Die Diesel-Quote in Hessen „bekanntlich eine Diesel-Hochburg“ - so wörtlich -, betrage 50,6 Prozent. „Das heißt, jeder zweite Neuwagen war ein Diesel. Für mich ist das ein klares Bekenntnis zum im Moment stark gescholtenen Diesel“, erklärte Karpinski.

Als "die große Herausforderung der Gegenwart und Zukunft" bezeichnete Karpinski die Digitalisierung und die damit verbundenen Konsequenzen für Unternehmen und Verbraucher. Das Autogeschäft - Fahrzeugkauf und -verkauf, Service, Teile - würde immer stärker den digitalen Veränderungen unterliegen. Bei der Digitalisierung von Produkten und Prozessen stelle sich immer drängender die Frage nach der Daten-Hoheit. Im Kfz-Handel sei die Digitalisierung längst Realität. Kunden konfigurierten neue Fahrzeuge in der Regel auf der Plattform des Herstellers. Damit stehe der Hersteller in direktem Kontakt mit dem potenziellen Kunden. Dadurch drohe das Arbeitsprinzip, nach dem der Hersteller Automobile herstellt, Handel und Service diese verkaufen und warten, aus dem Gleichgewicht zu rutschen.

Karpinski warnt dabei vor einem möglichen Datenmissbrauch beim vernetzten Auto. Nach einer aktuellen Studie wollen 90 Prozent der europäischen Autofahrer, dass die Daten eines vernetzten Autos dem Eigentümer oder dem Fahrer gehören, 91 Prozent fordern eine Möglichkeit zum Abschalten der Verbindung zum Autohersteller, 78 Prozent wollen ihren Service-Anbieter selbst auswählen. Karpinski: „Das sind wegweisende Ergebnisse die wir nicht ignorieren können.“

Nein zum Bargeld-Limit. Das aktuell diskutierte Verbot für Bargeldzahlungen ab 5.000 Euro treffe das Kfz-Gewerbe in Handel und Service. Es sei nicht die Ausnahme, dass ein Auto bar bezahlt werde. Bei gebrauchten sei dies im Einkauf und im Verkauf öfter der Fall. Im Service könne die Reparatur eines Motors, Stichwort Austauschmotor, schnell ein paar Tausender kosten.

Eine solche Obergrenze sei ein Eingriff in die Entscheidungs- und Verfügungsfreiheit sowohl der Autohäuser und Kfz-Betriebe als auch der Kunden. Für das Kfz-Gewerbe seien die bereits bestehenden Regelungen des Geldwäschegesetzes, die beim Autokauf unter anderem verstärkte Überprüfungspflichten ab einer Barzahlung in Höhe von 15.000 Euro vorsehen, angemessen und ausreichend. Ein Verbot der Barzahlungen von mehr als 5.000 Euro würde im Kfz-Gewerbe vermutlich bürokratischen Mehraufwand verursachen, ohne dass auf den ersten Blick signifikante Effekte einer solchen Beschränkung bei der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus zu erkennen sind.

Die Bilanz im Werkstatt-Geschäft zeige Auftrags-Verluste privater Kunden auf der einen und Umsatz-Zuwächse auf der anderen Seite. Die Ursache dafür sei eine Zunahme der gewerblichen Service-Kunden und von Unfallreparaturen. Signifikant sei auch die Entwicklung der Full-Service-Verträge, die sich statistisch niederschlügen.

Die 4.431 hessischen Kfz-Betriebe wickelten im Jahr 2015 insgesamt zirka 7,4 Millionen Werkstattaufträge ab, das waren 1.672 Aufträge pro Betrieb. Mit einer Quote von durchschnittlich 83 Prozent läge die Auslastung der Werkstätten um 2 Prozentpunkte über dem Niveau des Jahres 2014.

Positiv sei auch eine höhere Kundenbindung. 81 (Vorjahr: 80) Prozent der Service-Kunden brächten ihr Fahrzeug in denselben Betrieb wie im Vorjahr. „Die Stammkunden gehen in die Werkstatt ihres Vertrauens“ sagte Kraft.

Der Fahrzeugbestand von Pkw, Lkw und Krafträdern in Hessen sei um 1,7 Prozent des Bestandes auf 4,2 Millionen Fahrzeuge angestiegen. Das sind 69.000 Fahrzeuge mehr als im Jahr 2014, was ein erhöhtes Servicepotenzial für die Kfz-Betriebe bedeute.

Trotzdem würde die Rendite im Service unter Druck stehen, etwa durch Initiativen von Versicherungsunternehmen, mit Kunden-Apps die Kosten im Schadenfall weiter zu drücken. Die Kunden könnten mit nur wenigen Klicks ihren Schaden melden und zwischen der sofortigen Überweisung des Festbetrages oder der Vermittlung an eine Partner-Werkstatt wählen.

Was auf den ersten Blick bequem und lukrativ erscheint, könne aber im Nachhinein teuer werden. Denn die Gutachter schätzen den Schaden der im Schnelldurchgang, ohne das beschädigte Fahrzeug in Augenschein genommen zu haben. Die Verbraucher wüssten oft gar nicht, welche Prozesse hinter den Apps stecken und wie sich diese auswirken. Hier sei dringend mehr Aufklärung geboten.

Erwartungen für 2016

Die Minuszahlen bei Besitzumschreibungen und das kleine Plus bei den Pkw-Neuzulassungen seien kein Traumstart, die Branche erwarte aber ein - so wörtlich - "Autojahr auf dem 2015er Niveau". Knapp 340.000 Pkw-Neuzulassungen und 560.000 Besitzumschreibungen seien "eine realistische Prognose".

Letzte Änderung: 20.04.2016Webcode: 0104294